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One heart of Harar

Januar 8, 2012

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Die Bewohner der alten muslimischen Stadt Harar heißen Adare. Sie betrachten sich als eigenes Volk. Die außerhalb der Stadtmauern in moderneren, wenngleich einfachen Häusern lebenden Menschen sind meist Zuwanderer aus der umgebenden Bergregion. Die Adare betrachten sich als „Kinder von Abadir“, dem im 10. oder 12. Jahrhundert von der saudischen Halbisel über das Rote Meer gekommenen Geistlichen und Stadtgründers Sheikh Abadir Umar Al-Rida. Die berühmte Stadtmauer (Jegol), ein Unikum am Horn von Afrika, wurde von Emir Nûr im 16. Jh. für die neue muslimische Hauptstadt seines äthiopischen Emirats errichtet. Im Inneren des Jegol, der als Weltkulturerbe geschützten Altstadt, existieren noch einige Gey gar, traditionelle Adare-Bürgerhäuser in einem spezifischen architektonischen Stil.

Fremden Besuchern der jahrhundertealten Handelsstadt sind diese jedoch nicht zugänglich. Eine Ausnahme bieten drei zu privaten Guesthouses umfunktionierten, gleichwohl unverfälscht erhaltene Häuser, in denen man wie in einem Museum übernachten kann. Sie zu finden ist ohne Nachfrage bei Einheimischen fast unmöglich. Orientiert man sich am Ausgang des Busbahnhofes nach rechts, so sieht man ein altes Stadttor Asmaddin Beri (auch: Shoa Gate) mit einem Khat-Markt davor (dem Beri Megala). Geht man hindurch, erreicht man eine nur von Fußgängern nutzbare Marktgasse, die in den Südwestteil  der Stadt führt. Jedes der fünf Stadttore gibt dem zugehörigen Viertel seinen Namen.

Das Shoa Gate von Harar

Marktgasse jenseits des Shoa Gate im Inneren von Harar

Die Gasse führt zunächst bergab und ist von Geschäften gesäumt. Viele Marktfrauen vom Lande bieten zudem sitzend erntefrische Lebensmittel an. Von morgends bis abends. Dann gehen sie oft stundenlang zurück in ihr Dorf in der Umgebung. Oder übernachten an Ort und Stelle.

Nach gut 100 Metern wird die trubelige Gasse ruhiger, man erreicht eine Weggabelung und geht geradeaus wieder leicht bergauf.  Man gelangt an eine dunkelgrüne Mauer linkerhand (auf obigem Foto am oberen Bildrand sichtbar), an deren Ende links eine enge sehr unscheinbare weiß getünchte Sackgasse bergauf führt (auf dem Bild unten kommt man von links). Es ist die fünfte Gasse nach dem Stadttor. Man klopfe kräftig an die erste Metalltür links und warte, bis einem Einlass gewährt wird. Kein Schild weist darauf hin: Dies ist das Rewda Guesthouse (auch: Weber-Haus, genannt nach einem früheren Inhaber, an den auch „Webers Stationary“ in der Hauptstraße erinnert).

Das Rewda Guesthouse

Sarah, die Tochter des Hauses, hält sich fast den ganzen Tag im Gey gar auf. Die Eltern arbeiten außerhalb. Sie empfängt die Gäste – meist Rucksackreisende aus Europa, Israel oder Amerika – und kümmert sich um die Reinigung des Hauses. Und langweilt sich oft. Leider spricht die 15-jährige praktisch kein Englisch. Eine Nacht im Guesthouse kostet 300 birr (23 birr = 1 Euro) mit Frühstück. Bed & Breakfast in einer Privatwohnung, wie in Großbritannien. Ohne Reservierung braucht man großes Glück, ein freies Zimmer zu bekommen. Ich hatte es. Vor dem Eigangstor (gar beri) sind die Schuhe auszuziehen.

Sarah vor dem Tor des zentralen Empfangsraums des Gegar

Der zentrale Wohnraum des Gegar von "Rewdas Guesthouse"

Eine kleine Treppe führt vom zentralen Wohnraum in den ersten Stock. Dort findet sich ein Schlafzimmer, von dem aus man durch Mashrabiya-Fenster zurück hinunter schauen kann. Ursprünglich war dieser obere Raum (Quti qela) ein Vorratsspeicher für Kaffee und Getreide. Der Gang neben dem Fernseher führt zu zwei weiteren Schlafräumen. Das Gebäude ist mit seinen dicken Wänden so konzipiert, dass es auch bei hohen Aussentemperaturen innen angenehm kühl bleibt. Im Prinzip müßte über dem Eingangstor eine gerollte Matte liegen und somit eine Tochter im heiratsfähigen Alter anzeigen. Aber die Eltern von Sarah wirken bei unseren kurzen Begegnungen zu modern denkend, als dass sie sich dieser Tradition gebeugt hätten.

Der zentrale Wohnraum (Gidir Gar) verfügt über fünf Plattformen unterschiedlicher Höhe, die durch Teppiche, Decken und Kissen angenehme Sitzmöglichkeiten bieten. Gäste und Mitglieder des Haushaltes saßen entsprechend ihrer sozialen Stellung an unterschiedlichen Stellen. Oben saßen die ältesten und gebildetsten bzw. das Familienoberhaupt. In den weiß (manchmal auch rot oder beige) getünchten Wänden finden sich elf Nischen, in denen von den Adare-Frauen handgemachte Teller und Körbe stolz präsentiert werden. Die hutähnlichen Korbschalen dienen dem Verkauf von Injera. Auf Simsen finden sich aber auch Becher und Gläser sowie Töpfe. Heutige zahlende Gäste des Hauses dürfen hier frühstücken. Wer den Geist des Hauses respektiert, bleibt auch unten sitzen, wo einem die Metallplatte mit dem Essen unter einem schützenden Tuch von Mutter Rewda oder Sarah morgends hingestellt wurde. Es gibt Fattiha und Honig sowie eine Kanne Kaffee.

Bei meinem dreitägigen Aufenthalt Ende September 2011 habe ich mich nachts unter dem glockenförmig aufgespannten Moskitonetz in diesen alten Mauern so geborgen und zugehörig gefühlt, als wäre ich aus der Zeit gefallen. Oder wie in einer Kindertraumwelt, abgeschieden von allem, während draußen der Regen plätscherte. Auch das Bild eines „Kokons“ kam hoch, aber das hatte eher mit meiner spezifischen momentanen Befindlichkeit zu tun. Fern der Arbeit und des Lebens in der Heimat ganz bei sich zu sein und sich neu orientieren zu wollen. Auch als einsames Herz. Das hatte ich wohl mit Sarah gemein, so denkbar unterschiedlich wir auch waren.

Die Fenster des Schlafzimmers im 1. Stock

Der Grundriss des Abat (so heißt die Ansammlung aller Häuser rund um einen zentralen Hof mit nur einer Tür nach außen) zeigt links den Bereich des Gey gar. In blauer Färbung ist oberhalb der Eingangstür die Wasserzisterne eingezeichnet. Der Küchentrakt befindet sich unten rechts. Das sternförmige Gekrussel am linken Hofrand bezeichnet den kleinen Granatapfelbaum, in dessen Schatten zwei Bänke stehen. Unterhalb von ihm eingezeichnet ist eines von zwei Bädern, das man durch eine sehr enge Tür vom Hof aus oder aus dem Inneren betreten kann.

Grundriss des Abat mit dem Gey gar (Rewda Guesthouse): oben Erdgeschosss, unten der erste Stock

Das Haus ist trotz Tourismusbetriebes voll und ganz authentisch erhalten und eingerichtet. Bis auf den Fernseher, aber den gönnen wir Sarah. Ich kann mich leider nicht erinnern, ob sie zur Schule geht und nur gerade Ferien waren oder ob ihren Eltern die Einnahmen aus dem Guesthouse-Betrieb zu wichtig sind, um ihrer Tochter mehr als nur eine Grundbildung zu ermöglichen.

Hier eine Adresse anzugeben, hilft nicht. Man würde es nicht finden. Zur Anmeldung bei Rewda sollte man es unter Tel.nr.: +251 256 662211 versuchen. Es gibt noch ein weiteres solches Guesthouse einer Schwester von Rewda, genannt Zubeyda. We kein Glück hat, kann sich auch im Harari National Cultural Center  in der Nähe vom Erer Tor ein typisches, wenn auch nicht mehr bewohntes,  Adare Haus anschauen (siehe: Fotos und ein sehr langatmiges Video).

Quellen und weitere Literatur: Philippe Revault und Serge Santelli: Harar, une cité musulmane en Ethiopie, Paris, Ed. Maisonneuve & Larose, 2004 (Grundriss); David Vô Vân und Mohammed Jami Guleid: Harar. A cultural guide, Shama Books, Addis Ababa, 2007.

Im Blog docugraphy fand ich eine schöne Fotoreportage zu Harar aus dem Jahr 2015.

Copyright der Fotos: Ekkehart Schmidt-Fink

From → Äthiopien, Hotels

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  1. Äthiopische Hotels « akihart

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