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Stillstand ist ein guter Anfang

Dezember 29, 2011

Plastikrecycling bei Ecotec in Luxemburg

Zum Jahreswechsel darf ich mal abschalten. Mir selbst etwas Gutes tun und neue Kräfte tanken. Ein wenig zurück zur Natur, die auch grad Winterschlaf hält. Mich aber auch einmal bewusst eine Weile meinen Gedanken und Gefühlen überlassen. Vielleicht über das vergangene Jahr reflektieren: Was habe ich gegessen, wohin bin ich wie gereist, mit wem habe ich wie kommuniziert, welchen Sinn hatte meine Arbeit, worüber habe ich mich gefreut und was hat mich frustriert? Worte, Bilder, Menschen, Ereignisse …

Ich kann mir ein paar Notizen machen. Mich ein paar Dinge fragen. Und gute Vorsätze fassen – aber nur solche, deren zu erwartende Nicht-Umsetzung nicht nur frustriert. Also nicht: Rauchen aufhören, per Wunderdiät abnehmen …

Viel eher über die „7 Plagen unserer Zeit“ (Greenpeace Magazin 1/2012) nachdenken, überlegen, was passieren muss und was jeder tun kann: Ungerechte Weltwirtschaft, Hunger, Klimawandel, Krieg, Missachtung der Menschenrechte, Verschwendung und Korruption. Ein Schlüsselgedanke könnte sein, dass wir Menschen der Konsumgesellschaft mit unserem konkreten täglichen Konsumverhalten mehr Einfluss in positiver Richtung haben könnten, als wir meinen. Denn wir sind viele, die sich vieles anders wünschen und nicht mehr auf  „die Politik“ warten wollen.

Was habe ich mit der Abholzung  tropischer Regenwälder zu tun? Mehr, als ich denke:

„Werfen Sie mal einen Blick in den Kühlschrank. haben Sie gestern Ihr Auto vollgetankt? Und sehen nun den Wald vor lauter Bäumen nicht? Die Tropen sind ganz nah – im Essen, im Aktenordner, im Tank. Vielleicht sitzen Sie gerade darauf, während  Sie das hier lesen. schnitzel, Schokolade, Druckerpapier und Treibstoff E10; dafür werden Tag für Tag große Flächen tropischer wälder gerodet. 38 Fußballfelder. Jede Minute. Es muss Soja für unsere Massentierhaltung angebaut werden  und Ölpalmen für Schokolade, Fertigpizza, Waschmittel, Kosmetik und Kerzen – grüne Wüsten aus schnellebigen Monokulturen, der Tod für bunte, vielfältige Tier- und Pflanzenwelten, die unwiederbringlich verschwinden, ohne dass wir sie je entdecken konnten, und in denen Menschen lebten, die nun vertrieben oder gar getötet worden sind oder die auf den Plantagen ausgebeutet werden, auf denen ihre Häuser standen, bevor die Bulldozer kamen. Blütenweißes Papier für den Drucker, der auf dem Schreibtisch aus Rosenholz steht – illegalem Holzeinschlag sei Dank. E10 im Tank, um diese ganzen Dinge nach Hause zu schaffen – vermeintlich klimafreundlicher Treibstoff aus dem Regenwald (…) Auch wenn Sie es nun gar nicht gut finden, dass für Viehfutter, für Palmöl, für Papier und Agrosprit Regenwälder gerodet, Tiere und Pflanzen vernichtet und Menschen vertrieben, ausgebeutet oder getötet werden, auch wenn es Sie erschüttert, dass sich die Menschheit um des kurzen Profits willen einer der wichtigsten Lebensgrundlagen beraubt – mit jedem Produkt, das Sie kaufen und für das Regenwald zerstört wurde, signalisieren Sie, dass Sie genau das tolerieren, was Sie eigentlich gar nicht gut finden. Da hilft nur eins: Nicht mehr mitmachen.“ (Quelle: Caroline Jung: Schritt für Schritt zu einem nachhaltigen Lebensstil. Gehen Sie mit. In: Umweltmagazin Saar 4/2011, S. 34-35)

Wie aber kann ich Freunde und Bekannte für eine andere Lebensweise begeistern? Dass sie – auch mit kleinen dingen – ihr tägliches Verhalten ändern? Es ist schwer, die misten Menschen sind Gewohnheitstiere. Dennoch hier ein klugscheißerisches  Sammelsurium erprobter Anregungen, die – einmal verinnerlicht – ganz einfach umzusetzen sind. Wirklich. „Be the change you want to see in the world“ (Gandhi).

(1) Ignoranten

Fortbewegung: Ausprobieren, ob der Weg zur Arbeit per Bus / Zug wirklich so unbequem ist oder auch Vorteile bietet (Zeitung lesen, unter Menschen sein, ohne Stress im Büro aufschlagen).

Einkaufen: Nur kaufen, was ich wirklich brauche; Werbung ignorieren lernen; Schauen, ob mein Discounter auch Bioprodukte hat;

Essen: Ab und an selber kochen; nicht jeden Tag Fleisch essen; den Fast-food-Konsum einschränken;

Entsorgen: Abfall vermeiden; Abfall trennen (Papier, Glas, Gelber Sack, Kompost und Restmüll); Herausfinden, wo im Viertel ich kostenlos gelbe Säcke bekomme;

(2) Anfänger

Fortbewegungsalternativen: Fahrrad kaufen; bei Kurzstrecken das Auto stehen lassen; sich die eigene CO2-Bilanz im Alltag bewusst machen;

Nahrungsmittel: Beim Nachhauseweg checken, ob nicht doch ein Bioladen in der Nähe ist; akzeptieren, dass nachhaltig ud naturerhaltend erzeugte Lebensmittel mehr kosten oder gerne prüfen, ob sie wirklich „teurer“ sind, wenn ich in kleineren Mengen kaufe und weniger verfaulte, verschimmelte, vertrocknete oder sonstwie vergammelte Kiloware im Kühlschrank habe;  Ab und an Biofleisch kaufen; Öfter mal selbst kochen und auf Vorgekochtes tief zu frierendes verzichten; fair gehandelte Produkte ausprobieren; Brombeeren oder Äpfel sammeln und einkochen; keine überfischten Fische mehr kaufen (Thunfisch!);

Konsumieren: Verstehen, dass Waren deshalb „günstig“ sind, weil irgendwo anders Bauern, Arbeiter oder die Natur die „externen Kosten“ der billigen Herstellung begleichen müssen; Ketten meiden (bei Büchern, Lebensmitteln, Cafés, Sandwichs und Fast food); agroindustrielle Produkte erkennen und meiden (Fleisch und Milch aus Massentierhaltung etc.); bemerken, dass sich viele Firmen per Marketing ein grünes Mäntelchen umhängen, ohne dass ein konsequentes Umdenken dahinter stünde; bewusster Saisonfrüchte essen;

Papier: Stofftaschentücher statt aus Drittweltzellstoff hergestellte Tempos benutzen. Einseitig bedrucktes Papier neu verwenden. Recyclingschreib- und Toilettenpapier benutzen; eine Kiste oder Leinentasche für Altpapier in der Küche platzieren);

Strom sparen: Statt eines Wäschetrockners einen Wäscheständer nutzen; Kühlschrank ohne Eisfach kaufen; Unterwäsche und Socken zwei Tage nacheinander tragen; Heizung abends ausmachen;

Alternativen zum Wegwerfen: Konsequent recyceln; aus der Mode geratenes in die Altkleidersammlung oder Upcycling-Werkstätten geben; Möbel vom Sperrmüll;

Geld: Meine Bank und Versicherung fragen, wo sie meine Ersparnisse und Geldanlagen investiert und wie eine überdurchschnittlich hohe Rendite entsteht;

Urlaub: Angebote der Region nutzen; Fernreisen gehen auch ohne Flug und Privatauto (z.B. mit Autoreisezug oder Schlafwagen); Skifahren nur an nachhaltig bewirtschafteten Hängen; Ferien auf dem Biobauernhof;

(3) Fortgeschrittene

Mobilität: Verschiedene Fortbewegungsmittel kombinieren; Mitfahrgelegenheiten und Car-Sharing ausprobieren; Energieverbrauch bei Herstellung, Nutzung und Entsorgung als Hauptentscheidungsargument beim Autokauf; Bahn-Card anschaffen; in Bahnhofsnähe wohnen; kein E 10 tanken;

Ethisch bewusst konsumieren: Ohne Auto einkaufen (Nahversorgung); immer eine Leinentasche dabei haben und angebotene Plastiktüten ablehnen; Kosmetik ohne Tierversuche kaufen; Thunfisch – wenn überhaupt – nur aus nachhaltiger Bewirtschaftung; Produkte mit Palmöl meiden (Nutella, Margarine und Kosmetik – selbst „Naturkosmetik“ -enthalten Palmöl, oft aber nur bezeichnet als „pflanzliches Fett“); keine Tomaten oder Paprika aus spanischen und italienischen Gewächshauskulturen kaufen; regionale Produkte bevorzugen; nur noch fair gehandelte Schokolade, Tee, Zucker, Bananen, Orangensaft und Kaffee kaufen (u.a. in Weltläden); mir einmal eine Schlachtung anschauen; bei Kleidung klassischen Stil bevorzugen, der nicht aus der Mode gerät; Bücher nicht bei Amazon, sondern im Viertelsbuchladen bestellen; ungenutzte Früchte der Umgebung verarbeiten (Brombeermarmelade, Holundergelee, Äpfel von Streuobstwiesen); Esskastanien, Haselnüsse und Walnüsse sammeln (letztere für Kuchen und Pastasoße verwenden); keine Scheu vor „doggy bags“ im Restaurant;

Oder auch einfach die 3-R-Regel beherzigen: Recyceln, Reduzieren, Refusieren.

Energie: Licht ausmachen, wenn ich den Raum verlasse; nur die Räume heizen, in denen ich mich auch länger aufhalte; mich fragen, warum ich so faul bin, nicht zu „grünen“ Stromanbietern zu wechseln? Ausprobieren und lernen, in 3 Minuten zu duschen; Haus oder Wohnung energieeffizient sanieren; Batterien zur Entsorgung bringen; LED-Leuchtmittel nutzen statt Glühbirnen, Halogenstrahlern oder Leuchtstofflampen (v.a. in Büros und Industriebetrieben mit ständig brennenden Lampen);

Trinkwasser: Leitungswasser trinken statt abgefülltes Wasser (für das nicht so strenge Kontrollvorschriften gelten, wie für Leitungswasser, dessen Ökobilanz zudem um ein vielfaches besser ist); bei „kleinen Geschäften“ Toillettenspülung nur kurz betätigen; Hahn immer abdrehen, wenn das Wasser grad ungenutzt läuft; für die Gartenbewässerung eine Regenwassertonne kaufen;

Kommunizieren: Brauch ich alle 2 Jahre ein neues Handy? Mir klarmachen, wie viele sehr fragwürdig produzierte seltene Metalle für das mobile Telefonieren nötig sind und wie schlecht die Bergbauarbeiter dafür bezahlt werden; Elektroschrott verantwortungsvoll entsorgen;

Ethisches Finanzhandeln: von einer konventionellen (auf Rendite fixierten) Bank zu einer sozial und ökologisch verantwortungsvoll handelnden Bank wechseln; SRI-Investmentfondsanteile kaufen;

Urheberrechte und Nutzung von Onlinediensten: Auf Raubkopien verzichten, damit unabhängige Künstler von ihren Werken leben können; Suchmaschinen wie Duckduckgo oder Ecosia verwenden.

Mehrfachnutzung: Getränke in Pfandflaschen kaufen; Papier- und Plastiktüten für Zweitnutzung aufbewahren (z.B. als Mülltüten, Butterbrot- oder Komposttüten); Servietten aus dem Restaurant als Klopapier nutzen; Kunststoffmüll radikal vermeiden (da der gelbe Sack kein effektives Wiederverwertungssystem ist); aus löchrigen Unterhosen Putzlumpen machen; Weinkorken sammeln und zum Recycling abgeben oder zum Anheizen des Kamins nutzen; Ausgelesene Bücher in Offene Bücherregale oder Antiquariate geben; Tauschbörsen nutzen; alte Zeitungen als Bodengrundlage für die Komposttonne nutzen bzw. überhaupt Komposthaufen anlegen; „Kartoffeln“ in Socken stopfen; aus Hosen mit uncoolen Löchern sexy Short pants schneiden; fürs Baby ab und an Stoffwindeln benutzen; ungenutzte Fahrräder dem ADFC zu Reparatur und Weiterverkauf geben; funktionstüchtige Elektrogeräte, Handys und Textilien länger nutzen; Holzkohle nach dem Grillen in einem Wasserbehälter ablöschen und beim nächsten Grillen wieder verwenden;

Reisen statt Urlaub: nicht nur an einem Ort bleiben, sondern herumfahren und das Land kennen lernen (z.B. Wanderungen, Fahrradtouren oder Busfahrten); mich mit den ortsüblichen Verkehrsmitteln fortbewegen; Billigflieger boykottieren;

Sich engagieren: ehrenamtlich arbeiten (z.B. in einer Entwicklungsinitiative oder beim Weihnachtsessen für Obdachlose helfen); in eine Partei eintreten und in die Kommunalpolitik reinschnuppern; gezielt und antizyklisch Geld spenden; Opfer von Krieg und Gewalt zum Beispiel in die Schulklasse des eigenen Kindes einladen; gegen Krieg auf die Straße gehen; Nachrichten von Bloggern und Online-Journalisten in Unterdrückerstaaten weiter verbreiten; Leserbriefe und mails an Zeitungen und Politiker schreiben;

(4) Monomanische Fanatiker

Mobilität: vollständig auf das Autofahren verzichten (wenn doch nötig: sich ein Taxi leisten);

Ernährung: Sich vegetarisch oder vegan ernähren; nur noch im Bioladen einkaufen; Slow Food-Ideen umsetzen;

Abfallvermeidung:  Immer einen Löffel in der Jackentasche haben, um im Bahnhofscafé Milch und Zucker ohne Plastikstick umrühren zu können; schlecht gewordene Milch in das Badewannenwasser (gut für die Haut) oder die Toilette geben (gegen Geruchsbildung);

Papier: Unbenutzte Servietten bei Restaurantbesuchen (die sonst weggeworfen werden) mitnehmen und als Toilettenpapier benutzen (Steigerung: auch kaum benutzte einstecken); Brottüten als Komposttüten verwenden.

Brauchwasser mehrfach nutzen: Die volle Badewanne stehen lassen, mit einem Eimer Wasser schöpfen und für die Toilette benutzen; oder Wasser für das Putzen des Treppenhauses verwenden; einen kleinen Krug in die Küchenspüle stellen und kaum verschmutztes Wasser zum Blumengiessen, Vorspülen oder Säubern der Spüle nach dem Abwasch nutzen;

Energieeffizienz: wo immer möglich Aluminium und Plastik vermeiden; Wohnungssanierung mit 100 % ökologischen Materialien; benutzte leere Spaghettitöpfe nach dem Kochen mit Wasser füllen, auf die noch heisse Herdplatte stellen und später mit dem erhitzten Wasser spülen;

Luxus: Ab und an eben doch mal sündigen (eine Pizza bestellen, in ein afrikanisches Land fliegen, …)

Natürlich ist niemand verpflichtet, auch nur irgendwas davon …

Jeder kennt das Don-Quichotte-Gefühl, mit frischem Mut und Tatendrang auf dem Rücken eines stolzen Vorsatzes loszuziehen und sich dann selbst als einen doch recht müden, um keine Ausrede und kein Alibi verlegenen ollen Klepper zu erleben. Gute Vorsätze können den Weg zur Hölle pflastern, weiss auch der Volksmund. Und natürlich ist niemand verpflichtet, irgendetwas davon umzusetzen, oder? Nein. Aber wenn man einmal verstanden hat, warum man ein bestimmtes Verhalten ändern sollte, kann man in der Umsetzung einiger der erwähnten Anregungen täglich die ganz bescheidene Freude erleben, wenigstens angefangen zu haben. Und wenn es nur die Entscheidung ist, nur noch Bio-Eier zu essen: Denn die schmecken plötzlich besser als die in Massenproduktion buchstäblich hergestellten Produkte einer hypereffizienten Agroindustrie. Andere Entscheidungen – wie die, keine Gänsestopfpastete oder Froschschenkel mehr zu essen – machen nicht glücklicher, weil kein ethisch korrektes Substitut zur Verfügung steht. Dafür sind sie sehr einfach umzusetzen.

Zum Weiterlesen:

Verantwortlich handeln

Biologische Landwirtschaft

Mehr Gerechtigkeit im internationalen Handel

Tauschringe

Ökotest

Axel Hacke über das Selbermachen

Nahversorgung und Nahmobilität

Nachhaltige Weihnachten: Geht das?

Slowfood Deutschland

Nachhaltig Reisen und Flugkompensation

Sozialbanken: GLS-Bank, etika, Triodos

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