Skip to content

Wo Kairo zu sich kommt

Dezember 14, 2011

Vier Typen von Teehäusern und Cafés

Ein Teehaus wie das von Mohammed Othman am Bab Futuh (Zeichnung 1) ist vielleicht nicht der „klassische“ Ort, an dem man in Kairo zwischendurch oder nach der Arbeit zur Entspannung einen Tee oder einen Mokka trinkt und eine Shisha raucht. Dafür bleiben Magdi und seine Freunde und Bekannte aus der Nachbarschaft zu sehr unter sich. Aber das Kahwagi ist das Zentrum dieses kleinen, etwas abseitigen Viertels an den alten Stadtmauern. Wer hier sitzt, dem entgeht nichts. Und hier kann man sich austauschen über die täglichen Dinge der Männerwelt, die beruflichen Probleme und die große Politik. Wäre hier mehr Passantenverkehr und gäbe es deshalb auch einmal Ortsfremde, die einmal eine Pause machen wollen, dann wäre der Schankraum sicherlich größer und man säße auch nicht so improvisiert, wie es gerade passt, sondern geordneter.

Wie im Simonds an der Sh. 26 Julyu in Zamalek, in dem sich seit Jahrzehnten westlich gebildete und geprägte Ägypter/innen und Europäer/innen wohl fühlen. Das liegt an der womöglich gut ein halbes Jahrhundert lang einzigen original italienischen Espressomaschine in Zamalek. Es liegt an der inneren Ruhe, die sich hier einstellt, sowie man die Tür zum Autolärm draußen geschlossen hat. Es liegt an den beiden mindestens 60- und 70-jährigen Herren hinter dem Tresen, die gewissermaßen seit 1952 gleichbleibend für Stil und Qualität der Zeremonie des Entgegennehmens des bestellten Getränks stehen (Zeichnung 2). Einzigartig in Kairo: Hier und in der Schwesterfiliale in der innerstädtischen Sh. Sherif gibt es keine Kellner. Der Kunde bezahlt bei der jungen Frau an der Kasse und reicht genannten Herren die erste Quittung. Mit den immer gleichen Handgriffen werden die Wünsche in stoischer Ruhe befriedigt: vom Cappucino bis zum frisch gepressten Orangensaft aus der Zumex-Maschine, die hier fast unpassend modern wirkt. Mit der zweiten wird meist entweder ein Stück Blätterteigpastete oder Kuchen bestellt – bei den jüngeren Männern an den Vitrinen rechts. Und es liegt daran, dass im „Simonds“ selbstverständlich beide Geschlechter der in den 1950er- bis 1970er-Jahren geborenen zusammen sind, sich entspannen oder diskutieren.

In den seit einem Jahrzehnt in den westlicher geprägten Vierteln aus dem Boden geschossenen mindestens 100 Filialen moderner Caféketten, von denen das „Cilantro“ am erfolgreichsten ist, kann man sogar von einer Frauendominanz sprechen. Die Kette im italienischen Stil spricht mit ihrem spielerisch-jugendlichen Design vor allem diejenigen jungen Menschen an, deren Sehnsucht nach einem liberalerem Leben durch wohlhabende Eltern halbwegs gelebt werden kann. Aber auch Frauen in den 40ern wie Femony, die beruflich erfolgreich sind und das Cilantro auch als Büro-Extension nutzen (Zeichnung 3). Die Atmosphäre ist nicht nur im westlichen Empfinden angenehm vertraut im Vergleich zu dem (anderen) Charme der typischen Tee- und Kaffeehäuser der Stadt. Ein Besuch lohnt unbedingt, will man die Gelegenheit nutzen, sich ein Bild vom Lebensgefühl der jungen Erwachsenen der Mittel- und Oberschicht zu machen. In der Innenausstattung herrschen rote, braune und orangefarbene Töne vor. Die Räume mit ihren Sesseln und Sofas sind sehr sauber, bewusst etwas verwinkelt, es gibt sogar „Kuschelecken“ mit Sichtschutz. Andere genießen die Ruhe und den guten Espresso oder Cappuccino, um sich am Laptop Facebook zu widmen, zu arbeiten, oder Zeitschriften zu lesen, die zur Lektüre ausliegen. Einige Regale bieten auch gebrauchte Bücher zur Ausleihe. Die Cilantro-Cafés boten schon vor der Revolution vor allem einen – vor konservativer Sozialkontrolle – sicheren Treffpunkt für studierte junge Frauen und Männer, einen halböffentlichen Raum, in dem man ein Stück Freiheit leben kann. Die pistazienfarben gekleideten Kellner bringen neben Kaffee auch Schokokuchen und Sandwichs – zu nicht eben billigen Preisen.

Wer sich das nicht leisten kann, aber den gleichen Gesprächsbedarf unter jungen Männern und Frauen hat, trifft sich seit etwa zwei Jahren in jenen innerstädtischen Straßen, die abends vom Autoverkehr befreit sind: im Takieba an der „Townhouse Gallery“ oder im „Borsa-Viertel“ südlich des Hotels Cosmopolitain (Zeichnung 4). „Klassische“ traditionelle Teehäuser, deren Kundschaft tagsüber 100 % männlich und meist älteren Jahrgangs ist, zeigen hier abends neuerdings ein ganz anderes Gesicht: Die Straße ist voller bunter Plastiktische und –stühle, kaum einer sitzt drinnen, die Luft schwirrt von Gesprächsfetzen und Gelächter, Wasserpfeifen blubbern vor Wänden mit revolutionären Graffitis. Hier treffen sich Freunde und Tahrir-Aktivisten der 1980er- und 1990er-Jahrgänge. Tische Wasserpfeife rauchender Freundinnen, die von keinen Männern gestört werden, sind nicht ungewöhnlich. Auch Gamal, der hier mit seiner deutschen Freundin sitzt, fällt trotz kairountypischer Schirmmütze nicht weiter auf. Der Theaterschauspieler braucht kein spezielles Ambiente und ein Angebot von fünf Kaffee- oder Teesorten zum fünffachen Preis. Ein bis zwei Cay masri für 1- 1,5 LE und ein Sitzplatz unter Freunden reichen zum kleinen Alltagsglück. Da unterscheidet er sich, was Entspannung angeht, nicht von seinem Vater und Großvater. Wo sonst als hinter einem Teeglas ist Kairo so sehr bei sich?

Die Gesprächsthemen, sozialen Hintergründe und Generationen der Besucher dieser vier Typen von Teehäusern und Cafés unterscheiden sich. Was sie eint ist eine je anders entwickelte Alltagskultur der Entspannung. Das macht die Besuche Kairoer Cafés für den interessierten Beobachter so besonders wertvoll. Vom eigenen Bedürfnis nach Genuss und Ruhe in dieser hektischen Stadt ganz abgesehen: Man sollte sich auf eben diese konzentrieren, aber zugleich auf diejenigen am Nachbartisch einlassen können, die dieses Bedürfnis teilen. Wenn Sie das nächste Mal am Bab Futuh sind: Fragen sie bei Mohammed nach Magdi. Der Osnabrücker ist seit seinem schweren Arbeitsunfall im deutschen Werk fast immer da: Weil er hier aufgewachsen ist und hier seine Freunde sind. Er hat viel zu erzählen und teilt seine Lebenserfahrungen in Deutschland gerne mit anderen deutschsprachigen Migranten in Kairo.

(Text und Zeichnungen veröffentlicht im Papyrus Magazin, Februar 2012)

From → Kairo, Mann und Frau

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: